Feminismus & LGBTIQ

Wer heute den Begriff Feminismus hört, ist oft erstmals abgeschreckt: Feminismus, das klingt antiquiert, überholt, ist ein Begriff aus einer anderen Zeit. Die Unterdrückung von Frauen, das gibt’s vielleicht wo anders, aber bei uns nicht mehr. Ja tatsächlich, meinen einige, dass Feminismus dazu benutzt wird, Männer zu unterdrücken. Die ganze „Gender-Ideologie“ würde Frauen vermännlichen und Männer verweiblichen, die natürliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen ignorieren und alles, was bisher gut, richtig und normal war, über den Haufen werfen.

GUT, RICHITG UND NORMAL

Wer bestimmt eigentlich, was gut, richtig und normal ist? Wer sich diese Frage stellt, erkennt sehr bald, dass es keine „objektiven“ Gründe gibt, warum etwas oder jemand normal ist und wer anderer nicht. Was als normal angesehen wird, ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschieden und entwickelt sich im Laufe der Geschichte immer wieder neu.

Abgesehen davon, was es gerade bedeutet, ist die Kategorisierung in „Normalität“ und „Abnormalität“ aber immer ein Mittel, um bestimmte Teile der Gesellschaft auszugrenzen und zu unterdrücken, mit oft schwerwiegenden Folgen: Gewalt ist auch heute noch für viele Menschen immer noch alltäglich. Nicht einmal die rechtliche Gleichstellung aller Menschen wurde bisher erreicht: Erst seit kurzen können homosexuelle Paare Kinder adoptieren, die rechtliche Gleichstellung der Verpartnerung mit der Ehe steht aber immer noch aus. Frauen sind zwar rechtlich den Männern gleichgestellt, verdienen aber trotzdem immer noch rund ein Viertel weniger.

Das Zusammenspiel von ungleicher Behandlung im Alltag und im Staat mit signifikant weniger Chancen im Leben bis hin zu erlebter Gewalt zeigt die systematische Unterdrückung von Frauen, Homosexuellen, Transpersonen und allen, die nicht der herrschenden Norm entsprechen: Nämlich weiß, heterosexuell, männlich und gut situiert zu sein. Denn diese eine kleine Gruppe unserer Gesellschaft ist es, die von der systematischen Unterdrückung aller anderen am meisten profitiert – Sie sind tatsächlich die Norm, diejenigen, denen sich alle anderen unterordnen sollen. Es zeigt sich: Normalität ist ein Kampfbegriff der Herrschenden gegen alle anderen.

 

WARUM SIND WIR FEMINIST_INNEN?

Weil Frauenarbeit nie aufhört und unterbezahlt oder unbezahlt, langweilig und monoton ist, weil wir die Ersten sind, die entlassen werden, weil es wichtiger ist, wie wir ausschauen, als was wir können, weil es unsere Schuld ist, wenn wir vergewaltigt werden, weil wir es provoziert haben, wenn wir geschlagen werden, weil wir nymphomanisch sind, wenn wir Freude beim Sex haben und frigide, wenn wir keine haben, weil uns nur der richtige Mann fehlt, wenn wir Frauen lieben, weil wir ungeduldig und hysterisch sind, wenn wir zu viele Fragen stellen, weil wir egoistische Rabenmütter sind, wenn wir staatliche Kinderbetreuung fordern, weil wir aggressiv und unweiblich sind, wenn wir für unsere Rechte kämpfen und schwach sind, wenn wir es nicht tun, weil wir Torschlusspanik haben, wenn wir heiraten wollen, weil wir unnatürlich sind, wenn wir es nicht wollen, weil wir gewissenlos sind, wenn wir abtreiben und weil an atomarer Hochrüstung mehr Interesse besteht als an der Verbesserung von Verhütungsmitteln…

… deshalb und aus vielen, vielen anderen Gründen sind wir Feminist_innen!

 

Wie Frauen es drehen und wenden, ganz recht können sie es nicht machen und ganz gleichberechtigt sowieso nicht. Konservative Politiker_innen und Medien wollen uns glauben machen, Frauen wären mittlerweile „eh schon gleichberechtigt“: Sie hätten die gleichen Chancen und Möglichkeiten auf Selbsterfüllung wie ihre Brüder, Freunde, Ehemänner oder Väter. Sie müssten sich nur richtig bemühen, dann ginge es schon. Sie bräuchten sich eigentlich überhaupt nicht „künstlich aufzuregen“ und auch nicht gegen die Männer an ihrer Seite zu „hetzen“.

Solche Aussagen sind nach wie vor auf der Tagesordnung. Frauen, die sich engagieren und sich für ihre Rechte einsetzen, Frauen, die offen gegen Diskriminierung und Sexismus auftreten, werden verächtlich als hysterische, frustrierte Emanzen und radikale Feministinnen abgetan. Offensichtlich hat die „Männerdomäne Welt“ die Erschütterung, die ausgelöst wurde, als Frauen endlich gemeinsam aufstanden, um das Mensch -Sein dritter Klasse abzuschaffen, schwer berührt. Mit Erniedrigung und Verachtung wird denen, die aufbegehren, begegnet. Dieses Schicksal teilen Frauen mit allen anderen in der Menschheitsgeschichte, in der, wann immer die Herrscher ihre Machtposition in Frage gestellt oder sogar bedroht sahen, mit Einschränkungen, Gewalt und auch Mord reagiert wurde. Schließlich gibt niemand gern und freiwillig Macht ab. 

Feminismus an sich bezeichnet die Theorie, die der Frauenbewegung und ihren Zielen zu Grunde liegt. Feministinnen sind also, entgegen aller negativen Assoziationen mit Männermörderinnen, nicht die, die Herrschaft ergreifen und alle Männer unterdrücken wollen, sondern Frauen, die für ihre Rechte kämpfen – Rechte, die ihnen zustehen. Feminismus umfasst alle Lebensbereiche. Die so genannte „Frauenfrage“ ist alles andere als ein Kapitel für sich. Sie stellt sich in allen Bereichen unseres Lebens täglich aufs Neue und beschränkt sich nicht auf sogenanntes „Frauenspezifisches“ allein. Jedes Aufbäumen gegen Ungerechtigkeit im Geschlechterverhältnis ist feministisch. Und jeder Kampf gegen die Unterdrückung der Menschen, jeder Widerstand gegen systematische Ausbeutung und reines Profitinteresse zum Vorteil von Wenigen, jedes Aufbegehren gegen undemokratische und unmenschliche Verhältnisse muss verbunden sein mit dem grundsätzlichen Streben nach der Gerechtigkeit für das Geschlecht, das durch all diese systembedingten Umstände doppelt betroffen ist. Jeder Kampf für die Freiheit der Menschen muss also auch ein Kampf für die Freiheit der Frauen sein! 


„Was haben wir davon, Bescheid zu wissen, wenn wir nicht sehen, dass wir was ändern müssen?“ (Die Schmetterlinge) 

Nach wie vor gibt es vieles, für das es sich zu kämpfen lohnt. Wir versuchen, Missstände aufzuzeigen, Bewusstsein dafür zu schaffen und gemeinsam eine bessere Welt zu schaffen. Denn nur, wenn wir wissen, wo die Probleme liegen, aber auch, was vor uns bereits alles erkämpft wurde, können wir uns weiterbewegen. 

In diesem Sinne soll diese Homepage, „die feministische Seite der SJ“ ein weiterer Schritt im Kampf für Gleichberechtigung sein. Sie soll uns Archiv, Plattform, Ort der Kraft und Bewegung sein, soll Mädchen, Frauen – und auch Männern – die Möglichkeit geben, Einblick in die vielfältige frauenpolitische Arbeit der SJ zu bekommen, sich zu informieren, zu vernetzen, aktiv zu werden und nicht zuletzt auch zu organisieren. 

Go socialist, go feminist, get organized!