Einmal um die halbe Welt – Stahlstadtkind leaves the nest 4

Einmal um die halbe Welt – Stahlstadtkind leaves the nest 4

Anfang Mai 2016 zog es mich im Zuge meines Auslandspraktikums für fünf Monate in den mittelamerikanischen Staat Nicaragua. Durch mein Studium der Sozialen Arbeit absolvierte ich dort mein Praktikum in der Haftentlassenenhilfe in der Student_innenstadt León. Da ich schon vor der FH in den Genuss kam, Spanisch zu lernen, und es mich reizte, Realsozialismus kennenzulernen, war es klar, dass es nach Nicaragua geht.

Nicaragua ist das zweitärmste Land der nördlichen Hemisphäre und dadurch nur bedingt in den Schlagzeilen der heimischen Nachrichten vorzufinden. Der_Die durchschnittliche Nicaraguaner_in verdient pro Tag ungefähr 2$ und lebt somit unter der Armutsgrenze. Durch diese Problematik genötigt, gehen viele Menschen den illegalen Weg, und verkaufen Drogen, um der eigenen Familie ein Dach über dem Kopf und Verpflegung bieten zu können.

Das Projekt, in dem ich arbeitete, war eine Erleichterung für das knallharte Leben der inhaftierten Menschen. In Nicaragua sind die vorhandenen Gefängnisse tendenziell überfüllt. In einer Zelle für zehn Menschen halten sich meist 20-25 Personen auf. Manche schlafen auf dem Boden, Glücklichere in einer Hängematte. Im Projekt „Asuntos Juveniles“ wurde es den Straffälligen ermöglicht, den Tag nicht im Gefängnis, sondern in einem Gemeindezentrum zu verbringen. Eben dort wurde mit Psycholog_innen und Sozialarbeiter_innen Unterstützung für die Häftlinge geboten. Somit wurde ihnen die anstrengende und konfliktgeladene Zeit in der Zelle etwas erleichtert.

Socialism at its best?!

Nicaraguas jüngere Historie ist von Krieg und Revolutionen geprägt. Bis 1933 besetzten US-Streitkräfte das Land, nachdem es zu Bürger_innenkriegen gekommen war. Danach übernahm der Diktator Somoza die Regierung des Landes.

Ende der 1970er Jahre kam es dann zur Revolution der bis heute regierenden Sandinist_innen. Anfang 1980 kam es durch von den USA finanzierten Widerstandskämpfer_innen zur sogenannten Contra-Revolution, welche jedoch nicht erfolgreich war. Nach 16-jähriger Unterbrechung wurde Daniel Ortega bei freien Wahlen wiedergewählt.

Unter dem Deckmantel einer sozialistischen Regierung machte er Nicaraguas Regierung zu einer Familiendiktatur. Ein neues, von Ortega verabschiedetes Gesetz erlaubte seiner Frau den Posten der Vizepräsidentin. Dies geschah ohne Legitimation der Bevölkerung. Erst vor Kurzem, Anfang November, kam es zur neuerlichen Wiederwahl Ortegas. Offene Wahlen wurden abgehalten, jedoch entschied Ortega, welche Parteien antreten durften. Dabei wurde selbstverständlich die größte Oppositionspartei ausgeschlossen.

Wenn man mit den Menschen spricht, bemerkt man häufig Frust und Wut. Ortega versprach seinen Guerilla-Kämpfer_innen nach der Revolution Grund und Boden, aber viele haben diese Gründe nie erhalten oder wurden wieder enteignet. Frauenrechte werden mit Füßen getreten und der größte Süßwasserspeicher des Landes an Großkonzerne verkauft (Stichwort: Interozeanischer Kanal). Ohne Rücksicht auf Verluste verkauft der Diktator Ortega das Land, um sich, möglicherweise, selbst seine Taschen vollzustopfen.

Jürgen Gelbenegger verbrachte ein halbes Jahr in Nicaragua und studiert Soziale Arbeit in Linz.

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