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From Russia with love – Stahlstadtkind leaves the nest 2

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Vor sieben Monaten bin ich in die russische Provinzstadt Woronesch gezogen, um an einer Pädagogischen Hochschule Deutsch zu unterrichten. Da ich seit Jahren Russisch in Wien studiere, wurde es Zeit auch mal das Land dahinter zu entdecken. Ein Abenteuer, das diesen Namen mehr als verdient.

Wenn man über Woronesch im Internet recherchiert, bekommt man nicht gerade Lust hier hinzureisen. Vor genau zehn Jahren wurde Woronesch zur Hauptstadt des russischen Rassismus erklärt. Mehrere ausländische Student_innen wurden von rechtsextremen Gruppen ermordet. Gewalttätige Übergriffe mit rassistischem Motiv sind keine Seltenheit. Auch ich habe mich mittlerweile aufgehört zu wundern, wenn mir eine Gruppe mit Thor Steinar-Shirts begegnet. Fremdenhass ist allgegenwärtig.

„Ich kenne Hitler und Merkel.“

Ich lehre an der Fakultät für Fremdsprachen. All’ meine Student_innen haben sich dazu entschieden Deutsch zu studieren. Allein der Wille eine neue Sprache zu erlernen, bringt für mich eine gewisse Weltoffenheit mit sich. Ich habe es hier schon mit dem elitären, gebildeten Kreis zu tun. So sehr ich meine Student_innen auch ins Herz geschlossen habe – unsere Weltanschauungen driften weit auseinander. Ich unterrichte auch Landeskunde, weshalb ich regelmäßig politische Themen einbringe. Das gemeinsame Brainstormen über die Politik der deutschsprachigen Länder verlief mager. „Ich kenne Hitler und Merkel.“, war ein Satz, der sich bei mir einbrannte. Auch bei der Stunde zur Bundespräsident_innenwahl herrschte allgemeine Demotivation. Doch als sie herausfanden, dass es einen Kandidaten gibt, der gegen die Ehe von Homosexuellen ist, stieg die Stimmung an und eine Studentin rief sogar „Wuhu!“. Putin stimme dem auch zu.

Putin ist unsterblich

Da haben wir ihn. Putin. Ein Präsident, der verehrt wird wie ein Rockstar. Meine Studentin wünschte sich ernsthaft, dass er unsterblich sei. Sie wolle sich nicht darüber Sorgen machen müssen, dass jemand anderes ihr Land regiert. Putin zu kritisieren ist, als würde man behaupten, die Erde sei eine Scheibe. Denn der Präsident sei das Beste, was Russland jemals passiert ist. Vor meinem Russlandaufenthalt dachte ich, den Leuten hier sei zumindest ein bisschen bewusst, was in ihrem eigenen Land passiert. Doch wie sollen sie es denn anders wissen? Diese Generation an jungen Erwachsenen gingen alle unter dem System Putin in die Schule.

Die wenigstens waren jemals im Ausland und kennen nur dieses Russland. Sie konsumieren einseitige Medienberichte und geben weiter, was ihnen propagiert wird. Nach den Übergriffen in Köln, fragten mich viele, ob es meiner Familie gut ginge und, ob wir als Frauen noch alleine auf die Straßen gehen würden. Eine Studentin erzählte mir auch, dass ihre Eltern sie nicht mehr zum Sprachkurs nach Deutschland fahren ließen: „zu viele dunkle Männer, viel zu gefährlich.“ Diesem Rassismus und Informationsmangel versuche ich täglich zu entgegnen. Ich hoffe, dass meine Student_innen von mir als ausländische Lehrerin genauso profitieren, wie ich von der Erfahrung in einem so fremden Land zu leben und ich ihnen die Furcht vor dem Fremden ein bisschen nehmen kann.

 

Bettina Mühleder verbrachte ein halbes Jahr in Woronesch, studiert eigentlich Geschichte und Russisch in Wien, ist im Herzen aber immer Stahlstadtkind.

Autor:sjlinz

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